Gruppenphasenmodelle, die Themenzentrierte Interaktion (kurz: TZI) und die Reflektion auf verschiedene Leitungsstile sind die Standards, mit denen zur Zeit die Pädagogik versucht, Vorgänge in Gruppen zu erklären und damit für Gruppenleiter/innen das Handeln zu erleichtern. 
 
Wenn Ihr Gruppenstunden plant oder auch, wenn es in der Gruppe zu Problemen kommt, kann es sehr hilfreich sein, sich diese Theorien noch mal vor Augen zu führen: Wo steht die Gruppe jetzt? was braucht sie, damit es weiter gehen kann? 

Wenn man verschiedene Gruppen über einen längeren Zeitraum beobachtet, stellt sich heraus, dass jede Gruppe sich ähnlich entwickelt und dabei bestimmte Phasen durchläuft. Aus den Bedürfnissen, die die Gruppe während der Zeit entwickelt, in der sie zusammen ist, ergibt sich dann auch, was Deine Aufgabe als GruppenleiterIn in der jeweiligen Phase ist - umgekehrt kannst Du auch schon vorher "wissen", was Deine Gruppe vermutlich braucht.

 

Sicher bist Du auch selbst schon TeilnehmerIn von Gruppen gewesen (in der Schule, bei der Arbeit, beim Jugendrotkreuz oder anderen Hobbies). Kannst Du Dich noch an der ersten Tag erinnern? Welche Gefühle Du da hattest? Oder warst Du mal in einer Gruppe, wo es so richtig funktioniert hat? Was hat der oder die LeiterIn da gemacht? Wenn Du Dir die Zeit nimmst, fallen Dir sicher für alle Phasen eigene Erinnerungen ein, und eigentlich ist dann auch ganz klar, was Du als GruppenleiterIn zu tun hast.

 

Hier sind nochmal die Phasen im Überblick: 

Unterschiedliche Pädagogen haben die Gruppenphasen beschrieben - in manchen Beschreibungen findet man 4, und manchmal auch 5 oder mehr Gruppenphasen - wenn man genau hinschaut, sind alle Modelle aber doch recht ähnlich, und damit gibt es auch keine "falschen" Modelle.

Du hast sicher schon mal gehört, dass Kinder, die etwas Schlimmes erlebt haben, oder von einer Situation überfordert sind, sich auf einmal benehmen, als wären sie wieder klein - z.B. machen sie in die Hose, oder wollen auf den Arm genommen werden.

Gruppen machen das auch.

Es passiert häufig, dass Gruppen sich wieder benehmen, als wären sie gerade in einer der Anfangsphasen des Gruppenprozesses, obwohl sie schon viel weiter waren. Genau wie in dem Beispiel mit dem Kind, das sich wieder in die Hose macht, passiert das bei Gruppen, wenn sie sich überfordert fühlen oder eine Situation vermeiden wollen, die unangenehm ist (z.B. den Abschied). In solchen Situationen braucht Dich Deine Gruppe: Halte eine gute Portion Verständnis bereit, und unterstütze die Gruppe so gut es geht. Genervt sein hilft hier nicht weiter - denn oft weiß die Gruppe selbst gar nicht, was mit ihr los ist, und warum alles nicht mehr funktioniert, und alle Mitglieder fühlen sich unwohl. 

Eine zweite maßgebliche Theorie, die sich mehr auf das Verhalten (von Leitern) in Gruppen bezieht, ist die Themenzentrierte Interaktion von Ruth Cohn (kurz: TZI). Sie hat einige Grundregeln aufgestellt, wie die Kommunikation zwischen den Gruppenmitgliedern besser klappen kann. Ruth Cohn hat diese Regeln aufgrund ihrer Arbeit mit Therapiegruppen entwickelt - die Praxis zeigt aber, dass die Regeln ein gutes, angstfreies Gruppenklima ermöglichen, indem alle sich selbst einbringen können. Auch wenn es zunächst etwas ungewohnt ist.... 

 

(1) Sei dein eigener Chairman. Bestimme selbst, was du sagen willst. Sprich oder schweig, wann du es willst. Du hast die Verantwortung dafür, was du aus dieser Stunde für dich machst.

 

(2) Störungen haben Vorrang. Unterbrich das Gespräch, wenn du nicht wirklich teilnehmen kannst, zum Beispiel, wenn du gelangweilt, ärgerlich oder aus einem anderen Grund unkonzentriert bist.

 

(3) Wenn du willst, bitte um ein Blitzlicht. Wenn dir die Situation in der Gruppe nicht mehr transparent ist, bitte die anderen Gruppenmitglieder in Form eines Blitzlichts auch kurz, ihre Gefühle im Moment zu schildern.

 

(4) Es kann immer nur eine Person sprechen. Es darf nie mehr als eine Person sprechen. Wenn mehrere Personen auf einmal sprechen wollen, muss eine Lösung für diese Situation gefunden werden.

 

(5) Experimentiere mit dir. Frage dich, ob du dich auf deine Art verhältst, weil du es wirklich willst. Oder möchtest du dich eigentlich anders verhalten - tust es aber nicht, weil dir das Angst macht. Prüfe dich, ob dein Verhalten Annäherungs- oder Vermeidungsverhalten ist. Versuche öfters neues Verhalten auszuprobieren und riskiere das kleine, aufgeregte körperliche Kribbeln dabei. Dieses Kribbeln ist ein guter Anzeiger dafür, dass du ein für dich ungewohntes und neues Verhalten ausprobierst.

 

(6) Beachte deine Körpersignale. Um besser herauszubekommen, was du im Augenblick fühlst und willst, horche in deinen Körper hinein. Er kann dir oft mehr über deine Gefühle und Bedürfnisse erzählen als dein Kopf.

 

(7) Sprich per "ich". Sprich nicht per »Man« oder »Wir«, weil du dich hinter diesen Sätzen gut verstecken kannst und die Verantwortung nicht für das zu tragen brauchst, was du sagst. Zeige dich als Person und sprich per »Ich«. Außerdem sprichst du in »Man«- oder »Wir«-Sätzen für andere mit, von denen du gar nicht weißt, ob sie das wünschen.

 

(8) Eigene Meinungen statt Fragen. Wenn du eine Frage stellst - sage, warum du sie stellst. Auch Fragen sind oft eine Methode, sich und die eigene Meinung nicht zu zeigen. Außerdem können Fragen oft inquisitorisch wirken und andere in die Enge treiben. Äußerst du aber deine Meinung, haben andere es viel leichter, dir zu widersprechen oder sich deiner Meinung anzuschließen.

 

(9) Sprich direkt. Wenn du jemanden aus der Gruppe etwas mitteilen willst, sprich ihn direkt an und zeige durch Blickkontakt, dass du ihn meinst. Sprich nicht über Dritte zu anderen und sprich nicht zur Gruppe, wenn du eigentlich einen bestimmten Menschen meinst.

 

(10) Gib Rückmeldung. Gib Rückmeldung, wenn du das Bedürfnis hast. Löst das Verhalten "eines Gruppenmitgliedes angenehme oder unangenehme Gefühle bei dir aus, teile ihr oder ihm sofort mit und nicht später einer oder einem Dritten. Sprich zunächst einfach von den Gefühlen, die durch das Verhalten anderer bei dir ausgelöst werden. Danach kannst du versuchen, deren Verhalten so genau und korrekt wie möglich zu beschreiben, damit sie begreifen können, welches Verhalten deine Gefühle ausgelöst hat.

 

(11) Wenn du Rückmeldung erhältst, hör ruhig zu. Wenn du Rückmeldung erhältst, versuche nicht gleich, dich zu verteidigen oder die Sache »klarzustellen«. Denk daran, dass hier keine objektiven Tatsachen mitgeteilt werden können, sondern subjektive Gefühle und Wahrnehmungen deines Gegenübers. Versuche, zunächst nur zu schweigen und zuzuhören, dann von deinen Gefühlen zu sprechen, die durch das Feedback ausgelöst worden sind, und erst dann gehe auf den Inhalt ein.

Im klassischen Verständnis gibt es drei Leitungsstile (die gleichermaßen auch als Erziehungsstile bezeichnet werden). Diese Begrifflichkeiten für Leitungsstile wurden von Kurt Lewin geprägt (1968). Man unterscheidet danach

- den autoritären Leitungsstil

- den sozial-integrativen Leitungsstil

- den Laissez-faire-Stil (aus dem französischen: machen (lassen))

Die Stile beschreiben, wie viel Einfluss die Gruppenleitung auf die inhaltliche Arbeit, aber auch auf Ziele und Regeln der Zusammenarbeit ausübt.

Diese Kategorisierung der Leitungsstile ist allerdings auch ziemlich geprägt von den 60er und 70er Jahren – die Autoritären sind die „Bösen“ und Laisser-faire ist zumindest teilweise positiv. Der sozial-integrative (wird auch "demokratisch" bzw. "partnerschaftlich" genannt) Stil ist demnach das Beste. 

Im Laufe der Zeit hat sich jedoch gezeigt, dass im Umgang mit Gruppen verschiedene Stile je nach Situation eingesetzt werden müssen und Purismus (z.B. nur Laisser-faire ...) meistens nicht zur Gruppenentwicklung beiträgt.

Im Sinne des situationsgemäßen Einsatz von Leitung spricht man von mehr oder weniger direktiver Leitung. D.h., dass die Leitung ihren Einfluss auf die Gruppe der Situation und der Gruppenphase anpasst. Mit Hinblick auf die Gruppenphasen (mehr dazu unter Gruppenphasen) hat sich gezeigt, dass bei einer typischen Gruppenentwicklung am Anfang und Ende des Zeit in der Gruppe mehr direktives Verhalten der Leitung gefragt ist, während in der Vertrauens-/Arbeitsphase und danach die Gruppe mehr oder weniger selbständig die Kontrolle übernehmen kann.

Das kannst Du z.B. auch schon bei einer normalen Gruppenstunde sehen:

Am Anfang, bis alle endlich mitbekommen haben, was los ist, herrscht Chaos, und Du musst dafür sorgen, dass Du die Idee für die Stunde richtig rüberbringst. Wenn dann die meisten auf das Thema eingestiegen sind, erklären sich die Gruppenmitglieder gegenseitig, wie was geht, oder haben noch eigene Ideen. Die brauchen Dich dann nur noch für "Notfälle", und fühlen sich vielleicht sogar gestört, wenn Du Dich zu sehr einmischst. Allerdings, wenn es dann zum Ende der Gruppenstunde kommt, und ihr müsst Aufräumen oder einfach auch nur aufhören, dann musst Du wieder stärker durchgreifen.

 

Ein gut vorbereiteter Anfang lohnt sich!